Das letzte Ritual II

Der Anfang: Das letzte Ritual I

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Thayais schrie aus Leibeskräften, als sich das heiße Eisen in ihre Haut senkte und ihr Fleisch verbrannte. Es war eine Ehre, dem großen Meister zu dienen. Gern hatte sie sich stets seinen Dienern angeboten, denn nur sein Wille schenkte ihrem schönen Körper einen Nutzen. Doch auch wenn der Gedanke an sein Reich ihr Trost in hoffnungslosen Momenten gewesen war, mussten sich die Pforten wirklich so früh für sie öffnen – und so schmerzhaft? Der Gestank verbrannten Fleisches biss sich in ihre Nase. Thayais wusste nicht mehr, ob sie noch immer bereit war.
Zwei Männer banden sie los, braune Kutten verdeckten ihre Leiber. Thayais stolperte, ihre Gliedmaßen gehorchten ihr nicht recht, sondern hingen träge von ihrem Körper herab. Die Peitsche hatte ihre Haut gereinigt und das Symbol schmerzte auf ihrem Rücken, zeichnete sie als sein Eigentum. Nun war sie Aktruz‘ Besitz, ihr Leben für seine Stärke. Und gern starb sie für ihren Herren, doch weshalb musste er sie so hart prüfen? Sie schüttelte sich, musste die Ketzerei von sich abwerfen. Nur ein reines Opfer konnte seine Rückkehr ebnen. Raue Hände vergriffen sich fester in ihrer Haut. Thayais zappelte, aber die braunen Kutten akzeptierten ihr Opfer um jeden Preis.
Endlich ließ man sie los, überließ ihren Leib wieder ihrem Willen und der Widerstand brach in sich zusammen wie ihre Glieder. Ängstlich kauerte sie auf dem staubigen Felsboden und blickte auf.
„Schwester Thayais, bist du bereit für seinen Segen, auf dass du deinen letzten Weg nicht alleine wandelst?“ Die Stimme war monoton, keine Regung, kein Mitleid. Thayais versuchte unter der dunklen Kutte etwas Hoffnung zu finden, vielleicht ein Lächeln, tröstende Augen oder zumindest menschliche Konturen. Doch sie fand nur Finsternis. Sie zitterte trotz der Wärme dieser Nacht. Aktruz hatte ihr Leben lang über sie gewacht, wie ein strenger Vater, der liebevoll züchtige, um sein Kind vor der Grausamkeit der Welt zu warnen. Er war die Wahrheit in all den Lügen. Wenn ein Körper krankte, die letzte Reise zum Greifen nahe war – was nützte dann schon die Medizin, die ihn noch ein kleines Stückchen länger an die Qualen band? Sei das Fieber, dass sich nimmt, wonach es ihm verlangt! Die Priester der Vier trösteten durch falsche Hoffnung und hielten so ihre Gläubigen schwach; Aktruz‘ Geborgenheit hieß Stärke.
Thayais nickte, denn sie war stark und fügte sich niemandem.
Der violette Staub kitzelte ihre Haut wie ein warmer Ascheregen. Sofort spürte sie die Hitze in sich, eine neuerwachte Stärke ließ sie den Rücken durchstrecken und das Kinn heben. Von jetzt an würde sein Segen sie schützen, ihren Verstand klar und den Geist wach halten. Sie war Thayais von Aginalt, Mätresse Aktruz‘, der die Schwachen zermalmte und den Rechtmäßigen endlich ihren verdienten Platz auf dieser Welt gewährte. Sie kannte weder Furcht noch Zaudern, denn er selbst würde sie erlösen und in seinem Reich willkommen heißen. Ihr Platz war an seiner Tafel, in seinem Harem. Denn sie war das vierte Opfer.
Thayais erhob sich und ihr Leib war ihrem Geist Untertan. Stolz schritt sie zur weißen Marmorplatte, legte sich elegant auf den kühlen Stein und spannte sogar die Schultern an, während die beiden Männer sie festbanden, um keck die Brüste in die Luft zu recken.
Sie lächelte, als etwas Spitzes ihre rechte Handinnenfläche streichelte. Das kühle Metall liebkoste die ausgeprägte Lebenslinie, die sich dem nahen Schicksal verwehrte und trotzig ein langes und gesundes Leben prophezeite. Doch dann kam der Schmerz und er wusste sie zu brechen. Thayais schrie, im Takt des Klanges von Metall auf Metall und eins mit der Vibration, als der Hammer den Nagel in den Stein trieb. Glühender Schmerz entsprang ihrer Handfläche, sie riss an den Fesseln, so dass sich das Leder in Hand- und Fußgelenke schnitt. Sie zappelte, wollte fliehen – doch durfte der Furcht nicht nachgeben. Sie war Thayais, seine Auserwählte, erfüllt mit seiner Liebe. Ja, in diesem Moment liebte er keinen Menschen dieser Welt so sehr wie er sich nach ihr verzehrte. Ihr Kiefer entspannte sich und die zerbissene Unterlippe ließ sie Blut schmecken. Als sie den letzten Nagel durch ihren linken Fuß trieben, konnte Thayais nur noch heiser krächzen.
„Öffne deinen Mund, Schwester, und nimm sein Geschöpf in dich auf.“
Ihre Lippen öffneten sich mechanisch, ihr Geist war zu schwach, um sich einen Willen zu erlauben. Vielleicht hatte sie endlich die Prüfungen bestanden und das süße Gift würde sie aus diesen Qualen in seine Hände treiben. Als sie jedoch die Smaragdspinne erblickte, in deren kristallinen Augen sich der Feuerschein spiegelte, fand Thayais neue Kraft zu schreien. Sie wollte ihren Mund schließen, sich dem Tier verweigern, doch das Entsetzen entriss ihr jegliche Kontrolle. Ihre Lippen wollten sich zusammenpressen, doch sie konnte einfach nicht aufhören zu schreien.
Zwei Finger zwangen sich in ihren Mund, rissen an ihrem Kiefer und pressten ihn weiter auf. Sie wollten beißen, doch fehlte die Kraft. „Finde deinen Glauben, Schwester! Er prüft dich, weil er dich liebt!“ Sie schrie und zappelte noch immer, während die handtellergroße Spinne auf ihr Kinn gesetzt wurde und unruhig mit den acht Beinen auf der Stelle trippelte. „Sei rein und ihr Biss wird dich zum ihm tragen!“ Ihre Chelizeren zuckten und waren unnatürlich groß, der haarige Leib von feinen Spitzen durchtrieben, die ihre daimonide Herkunft offenbarten. Nur träge setzte sich das grüne Tier in Bewegung, die Füßchen pikten mit feinem Kitzeln auf der Haut.
Nein, dafür war sie nicht bereit! Thayais Ekel schenkte ihrem Kiefer neue Kraft und trieb ihre Schneidezähne tief in die fremden Finger. Und dann plötzlich biss sie zu. Es knackte und der fremde Widerstand war fort, die Finger lagen zwar noch immer zwischen ihren Lippen, doch rührten sich nicht. Wieder schmeckte ihre Zunge Blut.
Sie hatte es geschafft! Ihr Mund war der neugierigen Spinne verschlossen, die langsam nach den Lippen und der fremden Hand tastete. Oder hatte sie in Aktruz‘ Augen versagt? Nein, sie würde den Meister nie enttäuschen, sie liebte ihn doch. Und er liebte sie … weshalb er ihr diese Qualen nie grundlos aufbürden würde, es sei denn … natürlich, dies war ihre letzte Prüfung und nur durch Aufbegehren konnte sie bestehen! Die Finger hingen noch immer schlaff zwischen ihren Zähnen … weshalb hatte der Mann nicht geschrien?
„Sie lebt noch!“ Eine fremde Stimme hallte durch die Höhle, schwere Stiefel näherten sich. „Bei Biriashs Licht, wir sind nicht zu spät!“
Der blonde Mann hatte ein breites Gesicht, die Wangen waren von Pockennarben zerfressen. Seinen Kragen schmückten die Symbole des Ordens der Vier, der sich dem Schutz der Götter der alten Tage verschrieben hatte. Die Priester hatten sie entdeckt! Erschrocken öffnete Thayais ein Stück weit ihren Mund, schnell glitten die Finger des toten Wächters aus ihr. Die Smaragdspinne klapperte wieder mit den  Chelizeren, die rasche Bewegung hatte sie aufgeschreckt. Die ersten Beine strichen über Thayais Oberlippe; sie wagte es nicht, sich zu rühren.
„Ruhig Mädchen, sonst beißt sie dich noch!“ Der Mann sah kurz über die Schulter, vermutlich hatte er Verbündete bei sich. „Ich werde jetzt ganz vorsichtig die Spinne von dir nehmen, gleich hast du es überstanden.“ Er lächelte und versuchte mit seinen falschen Augen freundlich zu wirken. „Heute wird kein Unschuldiger mehr sterben.“
Thayais spürte, wie ihr Magen krampfte, die Kehle war mit einem Mal rau und kratzig. Sie hatte versagt! All die Hoffnung, all die Träume … dahin. Aktruz würde nicht erscheinen, dieser Welt nicht all die Lügen offenbaren, mit der die Priester sie schwach hielten. Seine Liebe war unbändig und sie hatte nur diesen einen, winzigen Preis: Thayais Leben. Wäre die Spinne nicht auf ihr, sie hätte laut losgelacht. Da kämpfte sie fanatisch gegen das schwächliche Gefolge der falschen Götter an, und war dabei selbst genauso erbärmlich schwach.
Eine behandschuhte Hand schob sich ganz sacht unter das Tier. Die Spinne … Noch war es nicht zu spät! Der Ekel kehrt zurück, presste sich faulig ihre Kehle hoch. Doch Thayais besann sich auf die Hitze in sich, auf den klang ihres schlagenden Herzen: Liebe kannte keine Furcht.
Sie riss den Mund auf, sofort gaben die ersten Beine der Smaragdspinne nach, die rauen Härchen strichen über ihre Zungenspitze. Ein Reflex zwang sie zum Beißen und erst ein feines Knacken gewährte ihr wieder die Kontrolle über ihren eigenen Kiefer. Sie schmeckte eine bittere Flüssigkeit und würgte.
„Nein, was machst du denn …“, schrie eine ferne Stimme, als sie endlich einen heißen Schmerz in der Zunge pochen spürte. Sofort wurde ihr Mundraum taub. Das Gift war schnell, presste ihren Leib nieder, lähmte die Lunge. Ein letztes Mal spürte sie, wie sich etwas in ihre aufbäumte und sie anflehte, für ihr Leben zu kämpfen. Doch Thayais ergab sich ganz ihrem Stolz: Sie hatte ihn nicht enttäuscht.

Er grinste, als ihm ein weiterer Teil seiner Stärke durch den Leib schoss. Mit einem Mal war es so leicht die gewaltige Kette aus grünen Smaragden zu zerreißen, die ihn seit Äonen an dieses verderbte Reich band. Er stand auf und der Boden bebte unter seinen Schritten, zerbarst und spie Feuer aus den Furchen. Er war frei, die vier Ketten nur noch ein Haufen transzendenter Müll.
Mit seinen Klauen zerriss er das Weltengefüge und zwängte seinen wuchtigen Leib in die alte Welt. Die Luft stank nach Schwäche. Es würde so einfach werden, sein altes Reich neu zu errichten.
Aktruz strich über die glühende Kette, die um seinen Hals lag. Die Drachen selbst hatten sie aus reinster Magie gewoben. Ein kehliges Lachen entstieg seiner Kehle. Das letzte Ritual hatte begonnen …

Author: Annette Juretzki

Autorin von Fantasy, Scifi & Unfug. Lektorin, Korrektorin & sonstige Besserwisserin. An sich ein netter Mensch, wenn man sie nicht näher kennt.

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