Die Du-Perspektive und du

Sie und Er sind wahre Weltenbummler, erzählen uns von ihren größten Abenteuern oder verlieren sich in skurrilen Details, die sich nicht immer selbst erlebt haben müssen. Ich kann da richtig neidisch werden, bleiben doch nur die eigenen Erlebnisse zu berichten. Immerhin geht dabei kein Geruch des Morgens verloren, der als emotionales Hintergrundrauschen durch den Tag trägt. Aber was macht Du?

Ich (also ich-ich) habe lange mit mir gerungen, ob ich mich ans Du wagen solle. Und da ich so ein schlimmer Kopf-Mensch bin, habe ich natürlich erstmal recherchiert und mir alle mögliche Theorie einverleibt, die das Internet zu bieten hat, bevor ich überhaupt das erste Wort schrieb. Schließlich gilt doch: erst das Werkzeug, dann das Material – oder?

Wie konnte ich nur so falsch liegen.

Denn den größten Vorteil der Du-Perspektive habe ich so erst ganz zum Schluss erfahren: Sie macht unglaublichen Spaß.

Das Ich und ich

Mit dem Ich fröstelte ich schon so manches Mal, drohte beim Balanceakt zwischen Distanzlosigkeit und emotionalem Kitsch immer wieder abrutschten und musste dem Perfektionisten in mir ständig auf die Finger hauen. Denn wie soll eine Geschichte ihr Ende finden, wenn ich eine Stunde an einem Satz herumbaue, um schlussendlich doch nur ein Wort zu verschieben? Dabei sollte doch eigentlich diese starre Fokussierung auf nur zwei Augen die Worte plätschern lassen und die perspektivischen Scheuklappen die Handlung ganz von selbst strukturieren. Da ist der Schreibfluss doch schon vorprogrammiert!

Tja, das funzt bei mir nicht.

Vielleicht mache ich den Fehler, zu nah an meine Protagonisten heranzutreten. Aber es sind leider eben nicht bloß zwei Augen, die einen Moment betrachten. Es hören auch zwei Ohren zu, in einer Nase juckt der Staub, der einen Mund ganz trocken macht und eine Zunge Vergänglichkeit schmecken lasst (ziemlich pappiger Geschmack, wenn ihr mich fragt). Und da haben wir uns noch gar nicht dem Chaos im Kopf gewidmet! Wenn sich die Gedanken überschlagen, der Fluchtreflex mit der Erinnerung an den Stadtplan ringt, die Lunge eine baldige Kapitulation zur Verhandlung bringt und der ewig Besserwisser nur kurz noch einmal erwähnen möchte, dass man an der letzten Kreuzung doch hätte rechts laufen sollen – ja was denkt man da?[1] Schnell lässt sich mit einem Atemzug eine Seite füllen und – schwupps! – weg ist die Dynamik. Aber bevor sich mein kleiner Perfektionist mit dem Ergebnis einer Abwägung zwischen Authentizität und Relevanz zufrieden geben kann, ist auch schon eine halbe Stunde Grübelei vorbei und der Schreibfluss dahin. Fürs Ich bin ich auf Dauer einfach zu verkopft.

Kann ich Du sagen?

Ganz anders da das Du: Die Scheuklappen bleiben, doch keine Reizüberflutung zerstört die Ordnung. Der Grund ist eine Vermischung zwischen der ganz traditionellen Perspektive des Beobachters und einem Ich, das den Erzähler mimt. Denn kein Du ohne Ich. Schließlich muss jemand das Du beobachten, aus dem Hintergrund eine fremde Geschichte berichten, ohne jedoch ein Teil davon zu sein.

Das hat den großen Vorteil, dass es nicht um die authentischen Empfindungen geht, die das Du in einer Situation verspürt. Es geht um die Einschätzung des Ichs, welche Gedanken einen Moment bestimmt haben könnten. Die Handlung wird zur Interpretation und gibt dadurch natürlich fast genauso viel über das Ich preis, wie der Leser über das Du erfahren kann. Vor Beginn der Geschichte müssen also beide Charaktere mit all ihren Eigenschaften feststehen. Und das Tolle: Interpretationen sind strukturiert! Der subjektive Filter des Ichs erlaubt meinem inneren Perfektionisten das Schweigen, was zu einen konstanten Schreibfluss führt, der meine Motivation nährt, die mich am Schreiben hält. Ein Engelskreis, sozusagen.

Natürlich haben all die Ratgeber zur Du-Perspektive recht: Die Distanz zum Leser wird durchbrochen, sodass er sich angesprochen fühlen kann[2]. Oder er fühlt sich ausgeschlossen, redet der Erzähler doch mit jemand anderem, ohne den Leser zu beachten. Und zu guter Letzt: Wählt man das Präteritum als Zeit, was ja durchaus üblich ist, ist der Text am Ende mit vielen ungewohnten Verbformen gespickt – denn wann, außerhalb von Grammatikübungen in der Schulzeit, verwendet man schon das Präteritum fürs Du?

Außerdem tragen einige dieser Verbformen mehrere Bedeutungen mit sich und nicht immer ist die richtige auch die heute gebräuchliche. Kleines Beispiel gefällig? Gerne: „Du wichst –“ Na, der Satz ist aber noch nicht zu Ende. Wie könnte er nur weiter gehen? Richtig: „– aus.“ Ihr wisst schon, ausweichen, wie in einem Kampf. Was habt ihr denn gedacht? Nun ja, vermutlich was die meisten in heutiger Zeit Lebenden bei „wichst“ denken und das hat nichts mit dem Präteritum zu tun. Das Präsens ist beim Du etwas unverfänglicher, schließlich werden diese Verbformen ja auch in der Alltagssprache gebraucht: „Du weichst aus.“ Trotzdem habe ich lange mit mir gerungen, bis ich letztlich mein geliebtes Präteritum aufgab.

Von Ich zu Du zu mir

Was will ich mit diesem langen Text sagen? Ich habe meine erste Geschichte in der Du-Perspektive geschrieben! Leider kann ich sie jetzt nicht präsentieren, da sie bereits ihren Weg zur „Heimchen am Schwert“-Ausschreibung des ohneohren-Verlags angetreten ist. Aber es bleibt das gute Gefühl, dass ich doch tatsächlich eine Geschichte an (fast) einem Tag fertig schreiben kann[3].

Wer außerdem das Ergebnis meiner Schlacht mit der Ich-Perspektive lesen möchte, kann das demnächst in der Anthologie „In seiner Hand“ des Incubus-Verlags. Mein innerer Perfektionist ist sehr stolz auf das Resultat, aber ihr ahnt ja gar nicht, wie viel Nervenblut mich der kleine Vampir gekostet hat.


[1] Und ja, ich weiß, dass ich gerade von einer allgemeinen Beschreibung zu einer speziellen Situation zu einer expliziten Szene gesprungen bin. Da seht ihr, warum ich Struktur brauche!
[2] Lustiges Detail: Ich gehöre zu dieser Lesergruppe. Deshalb hatte ich beim Bearbeiten meines eigenen Textes auch regelmäßige eine ganz schöne Wut auf den Erzähler, weil er endlich aufhören sollte mir irgendwelche Taten zu unterstellen, die ich doch gar nicht mache.
[3] Die dann nach ein paar Wochen Bearbeitungszeit auch meinen kleinen Perfektionisten zufrieden stellt.

Author: Annette Juretzki

Autorin von Fantasy, Scifi & Unfug. Lektorin, Korrektorin & sonstige Besserwisserin. An sich ein netter Mensch, wenn man sie nicht näher kennt.

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