Die Nacht der Helden

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Die Nacht der Helden
(2006/2014)

Der Smog lag zäh auf dem finsteren Moloch, der verschwitzt bebte, nach Luft rang. Diese Stadt erstickte an ihrer Raucherlunge. Die gelbe Motelreklame ließ die Straße kränklich erscheinen, der neonrote Leuchtstrahler puschte sie auf, das fahlblaue Laternenlicht brachte sie zur Ruhe, machte sie sanft. Zu sanft für diese Gegend; Josie wusste, diese Laterne würde hier nicht lange überleben. Die anderen Laternen hatten es doch auch nicht geschafft, wurden zu einem herrlichen Splitterregen. Sie waren auch nicht wie sie: Josie. Sie hatte es 21 Jahre geschafft: geflickt wie die Straße, gezeichnet wie die Wände, zerkratzt wie der Lack des blauen Wagens neben ihr. Keine Ahnung, welchen Namen seine Marke trug. Die Diebe seiner Reifen hatten ihn wahrscheinlich auch nicht gewusst. Der Rost blühte aus den Furchen, denn die Zeit war ein potenter Dünger. Wie Josie war er hier einfach zu alt geworden. Schrott, den man nie ganz los wurde.

Nur Andy war anders. Er war ihr Vorhang, der die grelle Stadt unter seiner Präsenz verbarg und ihr einen Moment der Ruhe schenkte. Die wunderbare Finsternis zwischen dem Flackern des Stroboskops. Er war das einzig erträgliche in ihrem Leben; vom ersten Moment hatte er sie gefangen, süchtig nach sich gemacht. Seine Küsse waren süßer als jeder Stoff, sein Körper geiler als jede Schlägerei – zumindest an seinen guten Tagen. An den anderen lag er wimmernd in der Ecke, kotzte seine Gedärme aus. Dann waren sie beide im Cold Turkey, er brauchte seinen Stoff, sie brauchte ihn.

Heute war so ein Scheißtag, die Wirklichkeit hatte sie besiegt. Er lag heulend im feuchten Keller und sie saß rauchend auf der Straße, im blauen Heiligenschein der Stadt, und war pleite. Keine Kohle – kein Stoff. Wenn du nicht handelst Josie, dann tut’s niemand. Sei sein Ritter … diese Nacht gehört den Helden.

Sie holte die Knarre aus dem Rucksack, das Chrom glänzte sie keck an. Ihr bester Freund, seit sie sie mit 15 im Müll gefunden hatte. 12 Kugeln passten rein, 7 waren drin – ihr Baby hatte schon gemordet, wenn auch nicht in ihrem Auftrag. Rumfuchteln war eine Sache, abdrücken eine andere. Beim Kiosk hatte das Rumwedeln gereicht, doch Júan brauchte mehr. Würde sie nur fuchteln, bekäme sie den Stoff, vielleicht sogar Kohle – doch irgendwann würde Júan sie kriegen, würde Andy finden und sie beide umlegen. Nur wer zuerst schoss verdiente das Leben. Die Nacht wollte ihren Helden sehen.

Josie stand auf, trat die Kippe aus – nur halb aufgeraucht – und zerstrich sich den roten Iro. Ihr richtiges Rot war zu schwach gewesen, jetzt sah es aus wie diese kleinen Kirschen in den Cocktails, die nach Marzipan schmeckten. Morgen wäre ein guter Tag für eine neue Farbe.

Die Knarre war schwer, fast zu schwer für eine Hand. Irgendwo hatte sie aufgeschnappt, dass der Rückstoß einem das Handgelenk brechen konnte. Vielleicht sollte sie mit beiden Händen schießen, nur zur Sicherheit, auch wenn das irgendwie falsch aussah. Als wäre sie noch immer ein Mädchen, zu schwach für ihr eigenes Spielzeug.

Ihre Uhr sagte 4:17, die Zeit war gut. Und wenn Júan nicht allein war? Dann knallst du sie auch ab, keine Zeugen. Du kannst das, Josie, du kannst sein Ritter sein.

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Der starre Gigant erhob sich vor ihr. Der gewaltige Leib war aus grauem Beton geformt, die Füße mit buntem Zierrat geschmückt, das Haupt hoch oben im düsteren Smog versteckt. Die Legenden sprachen von einem düsteren Himmel, der weit über dem Nebel gespannt war, von lauter kleinen Sternen zerstochen. Aber Josie konnte nicht daran glauben: So etwas Großes machte doch keinen Sinn, wenn es keiner sah.

17. Etage, 8. Apartment: Dort würde sich entscheiden, wer ein Held war.

Der Fahrstuhl stank nach Urin, ruckelte, aber wollte einfach nicht abstürzen. Die Leuchten der 17. Etage waren grün – oder schimmelten einfach nur die Wände? In der Ecke schnarchte ein Penner, zu besoffen, um ein Zeuge zu sein.

8. Apartment: die Wahrheit. Du kannst das Josie, du wirst Andy retten!

Eine verkrampfte Hand hämmerte: „Júan, du verficktes Arschloch. Mach auf, is’ dringend.“ Stille, entferntes Stöhnen. Irgendwo vögelten sie; bitte nicht er! „Na los schon!“

Endlich Geräusche, Leben. Die Tür öffnete sich, durch den Spalt drängte eine Knarre, matt-schwarz, größer. „Andys Süße, hä?“ Verdammter Scheißkerl, sie war Josie! Nicht irgendein Flittchen, nicht nur Andys Süße: Sie war Josie, sein Ritter, auf dem Weg ein Held zu werden.

Brauche 10 Gramm, er ist schon am Kotzen.“

Der Spalt wurde größer, die Knarre winkte sie herein, irgendwie freundlich. Dann fiel die Tür ins Schloss und Josie saß in der Falle. Es gab nur den einen Weg hinaus. Mach schon, Josie, er dreht sich um. Jetzt oder nie!

Sie griff hinter sich, holte ihr Baby aus dem Hosenbund. Es pulsierte, lebte, war kaum zu halten. Es wollte morden, wollte sie zum Helden machen.

Júan, es ist …“ Die Lippen waren spröde, der Gaumen ausgetrocknet. „Es ist Zeit, dein letztes Gebet zu sprechen.“ Ihr Baby pulsierte zu stark, die zweite Hand musste es stützen. Júan drehte sich um, Panik quoll aus seinen Augen, die Unterlippe zitterte – wie ihr Herz raste, ihr Baby pulsierte. Es hatte seinen Takt gefunden. Nur ein Schuss, Josie, ich weiß, dass du’s kannst!

Es war so heiß, sie erstickte fast an ihrem Atmen. Mit einem Mal war das Metall viel zu schwer für ihre Hände. Ihr Baby hörte einfach nicht auf zu pulsieren, ihre Finger krampften sich ums Chrom. Bitte … nur dieser eine Schuss … Er riss seinen Arm hoch, das schwarze Ding in seiner Hand wollte sie fressen.

Der Knall zerriss ihre Gedanken.

Schreiend fiel Júan zu Boden, presste die Hände auf den Bauch. Blut quoll hinaus, viel zu finster um echt zu sein. Er wimmerte, heulte, stieß die Anrichte um. So viel Krach! Die schwarze Knarre lag zu seinen Füßen, er trat nach ihr, aber sie folgte nicht seinem Befehl.

Nur ein weiterer Schuss … Josie wischte sich durchs Gesicht, die Hand war feucht. Ihr Körper heulte. Reiß dich zusammen, Josie, du musst es beenden! Die zweite Kugel zerfetzte die Schulter, die dritte verfehlte, die vierte ebenso. Ihr Baby pulsierte zu stark, ihre Hände waren zu feucht; die leblose Knarre fiel zu Boden, Nummer fünf ging in die Decke. Atmen, Josie, du musst atmen. Helden geben niemals auf.

Sie hob die Waffe auf, wurde ruhiger. Ihre schweißnassen Hände waren eiskalt, fühlten sich dumpf an. Reiß dich zusammen, du bist ein Held!

Júan japste, seine Hose wurde dunkler. Er fürchtete sie, Josie! Sie hatte es geschafft. Nur noch dieser eine Schuss. Die Sechs traf ins linke Auge, vielleicht ein bisschen daneben. Er bebte nicht mehr; ihr Baby war still. Alles war still. Wegen ein paar Schüssen würde niemand die Bullen rufen. Das Blut war dunkler als ihre Haare.

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5:35: Josie hatte ihren blauen Heiligenschein zurückerobert. Im Keller wartete Andy, sie war sein Ritter geworden.

Der weißbärtige Gott grinste sie von der anderen Straßenseite an. Die Erlösung – 1 € stand fett auf dem Automaten geschrieben. Sie hatte fast 700 Dollar in Júans Wohnung gefunden, und mindestens 100 Gramm: Drei Monate Freiheit in einem Leben auf Bewährung.

Ihre Kippe fiel zu Boden, nur halb aufgeraucht. Wenigstens stank ihr Mund jetzt nicht mehr nach Kotze. Sie drehte sich um, verließ die Straße, Andy brauchte sie. Ein Held verdiente keine Erlösung, er wurde besiegt, wenn ein Stärkerer kam. Und für diesen Fall war noch ein Schuss geblieben.

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