Wenn Kindheitsträume erwachsen werden

oder: OMG, ich habe einen Roman geschrieben!!11elf
So in echt, mit Wörtern auf Seiten und Kommas dazwischen. Wahnsinn.

Mein erstes Gedicht schrieb ich in der 3. Klasse und war so stolz auf diesen gereimten Vierzeiler, dass ich ihn meiner Deutschlehrerin zeigte. Sie teilte meine Begeisterung und zwang gleich darauf die gesamte Klasse, es abzuschreiben und ein Bild dazuzumalen. Und so lernte ich, meine Schreibversuche für mich zu behalten. Und, mal ehrlich, vielen Texten meiner Teenagerzeit hat das auch ganz gut getan *g* Obwohl ich ein wahres Talent dafür hatte, tapfere Leser um mich zu scharen, die tatsächlich freiwillig und gerne lasen, was ich da zusammenreimte.[1]

Irgendwann in dieser Zeit der nächtlichen Schreibsessions im Mondenlicht bei Kerzenschein[2] reifte dann auch der Traum, auch einmal mein eigenes Buch in den Händen halten zu können. Denn zum einen gab es damals noch schlicht keine ebooks und zum anderen war und bin ich ein Papiermensch, und werde es wohl auch immer bleiben.

Hallo Kleines …

Tja, und jetzt sitze ich hier, wenige Tage vor der Veröffentlichung meines ersten Romans, und wünsche mir eine Zeitmaschine. Und zwar nicht, um die Zeit vorzudrehen, damit es endlich so weit ist und ich über mein eigenes Papier streichen kann, sondern um zurückzugehen. Ich will mit dieser Fünfzehnjährigen sprechen, die da auf ihrem Bett sitzt, ihre Schulblöcke vollkritzelt und doch ständig das Gefühl hat, dass es einfach nicht reicht. Dass die Wörter nicht richtig sind. Dass das, was da steht, nicht das ist, was sie gefühlt hat. Die ständig hadert, diesen Scheiß endlich sein zu lassen und es doch nicht kann, weil die Geschichten raus müssen, denn der Kopf ist viel zu klein für all diese Charaktere, die sich in ihm streiten.

Ich will mich zu ihr setzen und sie anlächeln. Und dann sage ich es ihr: Es lohnt sich. Keine vollgeschriebene Seite ist je Zeitverschwendung, selbst wenn sie im Mülleimer landet.[3] Es ist nicht schlimm, dass die Wörter nicht so klingen, wie sie sich anfühlen, oder dass sie sich nicht lesen wie in den Büchern „echter“ Autoren. Denn es sind ihre Wörter, und sie werden es ein Leben lang bleiben. Mag sein, dass sie manchmal Dinge schreibt wie:

Alles geschah zu einer Zeit, als die Elektrizität noch nicht entdeckt war und Autos nur die Straßen der Phantasie befuhren. Diese Zeit war der schlimmste Krieg, den der Planet jemals durchlebt hatte, auch wenn nur gegen eine Rasse das Schwert erhoben wurde.

Aber dann wieder schreibt sie das:

   Kein Bild ist ehrlich. Jede Zeichnung ist eine individuelle Interpretation des jeweiligen Künstlers, jedes Foto nur ein Bruchteil der wahren Erscheinung. Eine Maschine kann nur das zeigen was ihr aufgetragen wurde zu sehen. Sie hält nur einen Bruchteil meines Lebens auf Papier fest, ein Foto zeigt nur einen Bruchteil meiner selbst. So muss ich Fion wieder einmal enttäuschen und schicke ihm kein Bild von mir. Er soll nicht nur einen Bruchteil meiner selbst lieben, seine Liebe soll mich gänzlich umfassen.[4]

Und auch wenn die Geschichte um Kariis Accun-Manya nie ein Ende fand, meine Zeichnerin der Seele, die sich mit dem Tyrannen ihres Reiches anlegte, indem sie sein wahres Ich so hässlich malte, wie es nun einmal war, nicht überdauerte, war keines der 5.000 Wörter, die ich ihr widmete, vergebens.

Kariis hat vielleicht nicht überlebt, aber ihr Trotz und ihr Mut lassen Xenen in „Blind“ für das Richtige einstehen, selbst wenn er weiß, dass es ihn das Leben kosten könnte. Weil er nicht anders kann, wie sie nicht anders konnte.

Zurück ins Jetzt

Ich habe aber keine Zeitmaschine und deshalb kann ich diesem Mädchen all dies nicht sagen. Aber ich kann es euch sagen, all denen, die an ihren vollgekritzelten Seiten verzweifeln. Jede einzelne davon hat einen Sinn – ganz gleich wie schrecklich ihr findet, was da steht.

In wenigen Tagen erscheint mein erstes eigenes Buch. In einem kleinen (aber ganz wunderbaren) Verlag, in einer winzigen Auflage, aber es ist meins. Und zwar nicht, weil ich vorletztes Jahr eine Datei auf meinem Computer „Blind“ nannte und sie mit Wörtern füllte. Sondern weil ich jahrzehntelang ganze Wälder an Seiten vollschrieb, zerriss und verbrannte.[5] Und dann mit einem neuen Block wieder von vorne anfing und gerodete Wälder mit neuen Wörtern bepflanzte.

Wenn ihr schreiben wollt, dann ist es nicht wichtig, was ihr schreibt oder was eure Freunde davon halten. Ja, es ist noch nicht einmal wichtig, dass euch selbst gefällt, was da am Ende steht. Dann zählt nur, dass ihr schreibt, solange ihr schreiben wollt, und zwar mit euren eigenen Wörtern. Denn sie sind gut, genauso wie sie sind. Sie müssen höchstens noch ein wenig mit euch zusammen wachsen.

Blaues Blut Annette Juretzki Block
Das „Cover“ meines ersten Romans „Blaues Blut“ – und immerhin wusste ich schon damals, dass eine gute Geschichte viel Überarbeitung braucht.
Blaues Blut Annette Juretzki Romananfang
Wie ihr seht, ich habe das damals tatsächlich – fast – genauso geschrieben. Das Zitat im Artikel stammt aus einem uralten Word-Dokument, ist also bereits eine überarbeitete Version.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Blaues Blut Annette Juretzki Signatur
Und hier der Beweis – 1999 war ich tatsächlich 15. Und die Signatur meiner Initialen hat sich bis heute kaum geändert *g*

Auch wenn viele der damals beschriebenen Seiten meine Unsicherheiten nicht überstanden haben (Dateien habe ich hingegen nie gelöscht und von Festplatte zu Festplatte mitziehen lassen), meinen allerersten Romananfang habe ich nie wegwerfen können – zum Glück. Denn so kann ich euch sogar „beweisen“, dass das erste Zitat aus der Feder meines fünfzehnjährigen Ichs stammt. Aus irgendeiner seltsamen Eingebung heraus habe ich die Rückseite des Blocks mit Datum signiert. Hm, vielleicht wird es da ja doch eines Tages eine Zeitmaschine geben und ich werde zurückgereist sein[6], um mir zu sagen, dass dieser Block eines Tages sehr, sehr bedeutend sein wird. Zumindest für mich.

[1] Und die bis heute meine Freunde geblieben sind – denn hey, wenn ich sie damit nicht vergraulen konnte, dann schafft das wohl gar nichts mehr *g*
[2] Wundert es irgendwen, warum es niemanden überraschte, als ich mit schwarzem Makeup anfing – außer meinen Eltern natürlich *g*
[3] Und dann bringe ich sie noch zum Lachen, indem ich ihr erzähle, dass sie, die noch nie etwas Besseres als eine 4 in einem Diktat hatte, 18 Jahre später als Korrektorin arbeitet *g*
[4] Ja, das steht da wirklich exakt so, samt Kommafehler und den Leerzeichen am Absatzanfang, um die erste Zeile einzurücken 😉
[5] Ja, ich hatte schon immer einen gewissen Hang zur Melodramatik …
[6] Futur 2 – unsere grammatikalische Vorbereitung auf das Zeitalter der Zeitreisen!

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